Wie Fritz Glagau womöglich eine Katastrophe verhinderte

Fritz Glagau Fritz Glagau zeigt ein Foto mit dem leeren Schwimmbecken des ehemaligen Bades in der Marienstraße

Die Ereignisse um die Schließung der alten Schwimmhalle in Greiz. Während der Corona-Zeit konnten viele Schulkinder das Schwimmen nicht erlernen. Deshalb wird der 1. Schwimmklub Greiz Schwimmlager durchführen. Das erinnert viele an die Zeit in den 1980er Jahren, als das alte Schwimmbad in der Greizer Marienstraße geschlossen werden musste und aufgrund dessen rund neun Jahre lang Ausweichquartiere, wie das Schulbad in Elsterberg, genutzt werden mussten. Auch für die Schwimmsportler war es eine schwierige Zeit, denn trainiert wurde in Bädern anderer Städte. Warum es zur Schließung des 1930 eröffneten Schwimmbades kam, wird in diesem Beitrag beschrieben.
Die Schwimmhalle im Bäderkomplex in Greiz-Aubachtal wurde vor 30 Jahren eröffnet. Dieser Neubau wurde notwendig, weil die alte Schwimmhalle in der Marienstraße aufgrund gravierender technischer Mängel 1982 geschlossen werden musste.
Die Einweihung des zwölf Meter breiten und 25 Meter langen sowie bis zu 3,25 Meter tiefen Beckens der Schwimmhalle wurde am 10. März 1930 als Sensation gefeiert, denn es war bis dahin das einzige Schwimmbecken in Europa, das im dritten Stock eines Bauwerkes errichtet wurde. Neben der breiten Bevölkerung profitierte auch das Schulschwimmen und der Schwimmsport mit dem 1. Schwimmklub Greiz von 1924 e.V. von dem international wettbewerbsfähig eingestuftem Bad, in dem unzählige Wettkämpfe ausgetragen wurden.
„Kurz nachdem ich die leitende Funktion des Stadtbades übernommen hatte, entdeckte ich bei Aufräumarbeiten unter dem Schwimmbecken Stalagmiten, es sah fast so aus wie in einer Tropfsteinhöhle“, erinnert sich Glagau, der als Leiter dieser Nachfolgeeinrichtung dem damaligen Rat der Stadt angegliedert war. Ihm schwante nichts Gutes. Sollte der Beton des Schwimmbeckens tatsächlich nicht mehr dicht sein? Er zog den diplomierten Bauingenieur Dieter Wiegand zurate. „Ich Begutachtete das Bauwerk, kroch bis unter die letzte Ecke des Beckens. Was ich sah war katastrophal. Betonabsprengungen, Risse in der Konstruktion und Korrosion der Stahleinlagen. Die Gefahr war groß, dass das Becken mit 450 Tonnen Wasserlast womöglich samt Badegästen in die Tiefe stürzen könnte. Daraufhin informierte ich die Staatliche Bauaufsicht, die mir den Auftrag für eine Dokumentation erteilte. Bei der Sichtung aller Unterlagen stellte ich fest, dass das Becken in all den Jahren undicht war“, erinnert sich Dieter Wiegand.
Fritz Glagau wollte es kaum glauben. Sollte das Becken tatsächlich so marode und nicht mehr in der Lage sein, diese große Wasserlast zu tragen, zumal es seit der Einweihung durch das Schwimmen und dem Springen von den Ein- und Drei-Meter- Sprungbrettern ständig in Bewegung war? Und was ist mit den Säulen, die das Becken tragen? Dazu muss man wissen, dass der Bau des Stadtbades vorher die Kupferschmiede und Maschinenbaufabrik Hetzheim beherbergte. Um das Schwimmbecken im dritten Stock zu errichten, wurden die bereits vorhandenen Säulen mit Beton doppelt ummantelt. Im Zuge der Untersuchungen wurden Kernbohrungen angeordnet, die den Verdacht bestätigten, dass diese Ummantelungen statische Mängel aufwiesen.
Die Lage war angespannt, keiner aus der lokalen Politik wollte eine Badschließung verantworten. Daraufhin wurde der Bauminister der DDR eingeladen, der tatsächlich seinen Stellvertreter nach Greiz schickte, um alle Unterlagen zu sichten. Am Ende der Auswertung mit Vertretern aus dem Rat der Stadt, dem Rat des Kreises und dem Rat des Bezirkes Gera sprach sich der Gast aus Berlin für eine Schließung der Schwimmhalle aus.“Zwei mir nicht bekannte Personen, die an der Aussprache teilnahmen, gaben dem Minister allerdings zu bedenken, dass Wahlen vor der Tür stünden und das Bad deshalb nicht geschlossen werden könne“, weiß Glagau noch ganz genau. Also blieb alles beim alten. Zweimal am Tag unternahm daraufhin der Badchef seine Kontrollgänge. „Es stand viel auf dem Spiel. Ständig quälte mich der Gedanke was passieren würde, wenn der Supergau des Beckeneinsturzes eintreffen würde. Eine Woche vor der Wahl entdeckte ich bei einem Rundgang, dass sogar Wasser an der Stirnseite des flachen Teils des Beckens durch den Beton sickerte. Die Bauaufsicht und die Staatsanwaltschaft wurden informiert. Daraufhin erhielt ich Anfang Mai 1982 die Genehmigung vom Bauamt der Stadt, das Wasser aus dem Becken abzulassen“, sagte Glagau. Danach konnte in diesen Objekt lediglich der Betrieb der Wannenbäder samt medizinischer Anwendungen weiter geführt werden. Am 31.12.1992 wurde auch das geschlossen. Es folgte der Abriss des gesamten Komplexes, auf dessen Gelände die Altstadtgalerie errichtet wurde.